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Beschneidung als „Lebenswelt“

Statt Aufklärung und Wissen religiöse Unterweisung für die Kleinsten

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten werden bekanntlich aus Gebühren der Allgemeinheit finanziert, damit sie ihrem gesetzlich definierten Auftrag zur Grundversorgung in wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit nachkommen können. Das Gebot zu Unabhängigkeit und Neutralität obliegt selbstverständlich auch dem Kinderkanal KIKA (ARD und ZDF) oder dem Deutschlandradio Kultur mit seiner Kinder-Hörfunksendung Kakadu.

Einige Kindersendungen lassen jedoch stark vermuten: Die Sender sind längst der in den Medien heftig präsenten Kirchen-Lobby erlegen. Einseitig und distanzlos werden den Kindern dort wie im bekenntnisorientierten Religionsunterricht religiöse Riten und heilige Legenden nahe gebracht. Statt objektiv und kritisch aufzuklären wird christlich – neuerdings auch im Sinne des Islam – eher missioniert.

Als erstes Beispiel die Sendereihe CHI-RHO: Den Kleinen ab drei wird da als spannende Comic-Story, wofür Kinder bekanntlich besonders empfänglich sind, die „Frohe Botschaft“ von Adam und Eva bis Jesus untergejubelt. Schon der Titel „ChiRho – das Geheimnis“ offenbart: Hier geht es um die Jesus-Story, denn die altgriechischen Zeichen Chi und Rho sind nichts anderes als die Buchstaben des Christus-Monogramms. Oder im Jargon der Macher an die Eltern: „Die einzelnen Folgen verstehen es didaktisch gekonnt, ihre (der Kinder, M.S.) Neugierde zu wecken, die Botschaft des Alten und des Neuen Testaments für sich zu entdecken.“ Müssen auch religionsfreie Menschen damit einverstanden sein? Wie die Mythologien des griechischen und römischen Altertums sollten Kindern auch die des Christentums bekannt sein. Dass es den Machern aber weniger ums Informieren als ums Missionieren geht zeigen die Worte an die Eltern: „Die Vermittlung des christlichen Glaubens an die nächste Generation ist wohl die größte Herausforderung, vor der die christlichen Kirchen stehen.“ Glaubensvermittlung, das Kerngeschäft der Kirchen, jetzt die Herausforderung für einen öffentlich-rechtliche Sender?

Mag sein, dass es den Machern mit dem Missionieren auf ihrem Sender selbst nicht ganz wohl war, denn ChiRho flimmert nun nicht mehr übers Fernsehen, wohl aber auf www.chirho.tv und YouTube im Internet.

Dafür hat der KiKa kürzlich mit einem so genannten Erlebnis-Beitrag zur islamischen Knabenbeschneidung den Vogel abgeschossen. Schon die distanzlose KiKa-Ankündigung des Beitrags „Tahsins Beschneidungsfest“, in der ein elfjähriger muslimischer Junge es kaum erwarten zu können scheint, mit dem rituellen Abschneiden seiner Penisvorhaut „endlich zum Manne zu werden“, hatte in der Öffentlichkeit einen shitstorm hervorgerufen.

Doch die eigentliche Sendung am Sonntag, dem 14. Januar, übertraf dann alle Befürchtungen noch bei weitem. In dem Beitrag wird den kleinen Zuschauern die Geschichte um die religiöse Beschneidung des 11-jährigen Jungen Tahsin geboten, wo den Kindern zwar der eigentliche Akt der Beschneidung vorenthalten, aber „das große Beschneidungsfest“ als eine Veranstaltung reinsten Frohsinns geschildert wird. Dann wird den Kindern erklärt: „Das ist ein uraltes religiöses Ritual, das auch für Muslime selbstverständlich ist. Bei einer Beschneidung wird die Vorhaut des Penis entfernt, natürlich unter Betäubung.“ Immerhin ein kleiner Hinweis auf mögliche Schmerzen des Aktes! Doch durch die unablässige Fröhlichkeit der gesamten Darstellung wird jeglicher Ansatz zu Skepsis im Keim erstickt. Zumal der kleine Tahsin über seine Gefühle äußert: „Ich habe Angst vor der Beschneidung, natürlich“, dann jedoch beschwichtigt, „ Aber das Gute ist, dass man danach Geschenke bekommt.“ Weil die blutige Amputation nicht gezeigt wird, verbleibt dem kindlichen Publikum die Erinnerung an Geschenke… Absicht? Will der Beitrag die möglichen Bedenken beiseite wischen oder wenigstens ablenken von dem eigentlichen gruseligen Akt?

Die Frage, wie es denn um die Selbstbestimmung des Jungen bestellt ist, scheint den Machern des Filmes gar nicht gekommen zu sein. Hat Tahsin überhaupt eine Alternative? Er wird von der Umgebung als kleiner König des Festes hervorgehoben. Kann sich der Elfjährigen unter solchem Druck noch frei entscheiden? Die ganze Last, die auf dem kleinen Tahsin ruht, kommt in seinen Worten zum Ausdruck, wenn er im Film äußert: „Man sagt, dass man vor der Beschneidung noch kein Mann ist.“ Und: „Das einzige Problem ist, dass alle anderen schon beschnitten sind und ich nicht.“ Da helfen auch kaum die Witzchen der Freunde, die „es“ schon hinter sich haben: „Du darfst dich (bei der Beschneidung M.S.) auf keinen Fall bewegen. Sonst schneidet er dir noch alles ab.“

Nach der Sendung folgte im „Eltern.Kika“ eine so genannte Expertenrunde, in der die beteiligten Experten vor allem glänzten durch Ahnungslosigkeit zur aktuellen Diskussion um das Thema „Knabenbeschneidung ohne Einwilligung“. Der anwesende KiKa-Programm-Geschäftsführer Michael Stumpf wies zwar pflichtschuldigst auf den allgemeinen Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders hin, der natürlich auch für KiKa gelte. Der dokumentarische Ansatz der Sendung käme darin zum Ausdruck, dass die Kinder in den vorgestellten „Lebenswelten“ möglichst selbst sprechen sollten. Nach diesem Konzept könnte man allerdings auch die in Europa allseits geächtete weibliche Beschneidung im Programm der „Lebenswelten“ begründen.

Kritischen Fragen wurde in der Runde möglichst ausgewichen. Als gäbe es in der Gesellschaft keine Debatte um die Rechtmäßigkeit der Beschneidung von Jugendlichen ohne deren Einwilligung. Als sei die Amputation einer intakten und sensiblen Vorhaut ohne Einwilligung eines Knaben das Selbstverständlichste der Welt. Stattdessen vergeudete man kostbare Zeit mit der Diskussion um Beschneidungen im Allgemeinen auf Grundlage eines längst überholten Wissensstands. Es wurde nicht einmal erwogen, ob man den religiös geforderten Eingriff nicht wenigstens bis zur Entscheidungsreife des Betroffenen hinaus schieben sollte, was unter liberalen Muslimen sehr wohl überlegt wird.

Auch die anwesende Prof. Sandra Fleischer, zuständig für Kindermedien, erhob gegen die Beschneidung von Jugendlichen ohne deren Einwilligung keinerlei Bedenken. Wie auch im Film wertete die Experten-Runde die Zirkumzision (Beschneidung medizinisch) quasi als unabwendbares Natur-Gesetz, oder wie Frau Fleischer meinte als eine „Entwicklungsaufgabe, die Jungen in dem Kulturkreis bewältigen müssen.“ Ob man für den Film denn wenigstens eine Altersbeschränkung auferlegen sollte, wurde gefragt. Da ja keine Szene gezeigt worden sei, die das Kind zum Opfer mache, zu etwas zwinge oder gar Blut zeige, so die Kindermedien-Expertin, könne man den Film ohne weiteres ab null Jahren zeigen. Diese Einschätzung kann man nicht anders als gefühlsroh und zynisch bezeichnen. Klammert der Film doch die Frage aus, ob nicht Tahsin sehr wohl als Opfer der familiären, traditionellen, nachbarschaftlichen und religiösen Zwänge insgesamt gesehen werden muss. Immerhin wird in dem Film doch offenbar, dass es letztlich diese für den Zuschauer kaum sichtbaren Zwänge und die Verlockungen durch Geschenke sind, die den Elfjährigen dazu bewegen, sich unter den Augen der Verwandten zu der erniedrigenden Prozedur widerstandslos auf den Beschneidungstisch zu legen.

Angesichts solcher Beispiele kann der Zuschauer nur fassungslos reagieren. Erschreckend, wie unkritisch und distanzlos die öffentlich-rechtlichen Sender über religiöse und Bräuche „berichten“, selbst wenn die Inhalte gegen das Selbstbestimmungsrecht des Menschen oder das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit verstoßen. Wie gerecht und demokratisch sind unsere Medien noch, wenn sie die Auffassungen von religiösen Minderheiten in unserem Land über den Auftrag zur kritischen Berichterstattung stellen? Leider haben wir es nicht mit einen einmaligen Ausrutschern zu tun. Nein, ChiRho im vergangenen Jahr war keine Eintagsfliege. Es handelt sich um eine ganze Serie mit Spielen, Filmen und allerlei Schnick-Schnack für Kinder. Zudem steht Kika damit nicht ganz allein auf weiter Flur. Einen weiteren Vogel hat Deutschlandradio Kultur abgeschossen: mit der Kinderfunksendung „Was sind Wunder“ des Herrn Martin Mölder. Eine Kritik zu seiner naiven und missionarischen „Wundersendung“ finden Sie in unserem nächsten Artikel, und wichtige Hintergründe zur Knaben-Beschneidung gibt es hier.

Bleibt zu hoffen, dass sich gegen diese einseitige und undemokratische Verwendung der Gebühren seitens der öffentlich-rechtlichen Medien zusehends Widerstand in der Gesellschaft regt.

Michael Steudten