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Interreligiöser Austausch der Hamburger Aleviten und Unitarier

Ein Veranstaltungsbericht von Fabian Krahe

Am Freitag, den 24. Februar 2017 lud die Hamburger Gemeinde der Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens – Vertreter der Aleviten zu einem interreligiösen Dialog in ihr Gemeindezentrum.

Zunächst werde ich die Vorträge der einzelnen Referenten kurz zusammenfassen und dann auf dieser Grundlage einen Vergleich beider Religionsgemeinschaften führen.

Nach einer Begrüßung der Diskussionsteilnehmer durch Dr. Kira Holtzendorff, Mitglied des Gemeindevorstands der Unitarier, referierten Baykal Arslanbuga (Aleviten) und Prof. Dr. Helmut Kramer (Unitarier) zur Geschichte und Struktur und im Anschluss Prof. Dr. Handan Aksünger (Aleviten) und Eike Möller (Unitarier) zu den religiösen Grundlagen ihrer jeweiligen Gemeinden.

Baykal Arslanbuga sprach zunächst vom Ursprung der Glaubensgemeinschaft der Aleviten in der Türkei, z. T. aber auch auf dem Balkan und im Nahen Osten. Durch Migration sei weltweit eine große Diasporagemeinde entstanden. In Deutschland zählten die Aleviten rund 700.000 bis 800.000 Mitglieder, rund ein Zehntel davon lebe in Hamburg. Über die Jahrhunderte seien die Aleviten verboten und verfolgt worden, noch 1992 seien in der Türkei 35 Aleviten bei einem Massaker verbrannt worden, weil sie anlässlich eines Kulturfestes einen bekennenden Atheisten einluden zu sprechen. In der Türkei seien sie auch heute nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt und verschiedenen Repressionen ausgesetzt. Vor rund 28 Jahren gründete sich der erste alevitische Verein in Deutschland. Deutschland sei mittlerweile ein wichtiges Zentrum alevitischen Glaubens und Kultur geworden. Viele Vereine gründeten sich besonders in den Jahren nach 1992. Hier könnten sie ihren Glauben frei leben. In Hamburg sei 2013 auch erstmals in Deutschland ein Vertrag mit den Aleviten geschlossen worden. Ein Jahr später sei mit Prof. Dr. Handan Aksünger der weltweit erste und einzige Lehrstuhl für alevitische Theologie besetzt worden. Arslanbuga schloss seinen Vortrag mit der Betonung, dass die Aleviten viel Wert auf die Freiheit und Demokratie, die sie in Deutschland genießen legen. Der Kern ihrer Religion sei der Dienst am Menschen. Auf Nachfrage erläuterte er anschließend strukturelle und organisatorische Details der Aleviten in Deutschland und stellte die Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der Gemeinde heraus.

Prof. Dr. Helmut Kramer zog in seinem Vortrag zur Geschichte der Unitarier zunächst eine Linie von der Reformation bis zum Entstehen der heutigen Unitariergemeinschaft im 20. Jahrhundert. Geleitet würden die Unitarier, so schon der Name, von einem Unitas-Gedanken. Die zwei wesentlichen geistigen Wurzeln seien die Reformation und der Pantheismus. 1876 bildeten sich die Freien Protestanten, die in Unabhängigkeit zur Kirche lebten, aber vor allem keine Kirchensteuer zahlen wollten. Erst 1911 käme der Begriff Unitarier auf als die Deutschen Unitarischen Blätter erstmals veröffentlicht wurden. Zur Zeit nationalsozialistischer Herrschaft hätten sich die Freien Protestanten still verhalten und so überdauert, während die Deutsche Glaubensbewegung durchaus die Nähe suchte. In Hamburg erhielt die sich nun Unitarier nennende Gemeinschaft 1947 die Genehmigung des britischen Militärs zur Gründung ihrer Gemeinde Einige Mitglieder der Deutschen Glaubensbewegung hätten sich den Unitariern angeschlossen, welche zunächst noch Einfluss innerhalb der Unitarier in Deutschland gehabt hätten. Deutschlandweit gründeten sich dann 1950 die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft. Ihre wichtigsten Leitlinien hielten sie in den sogenannten „Grundgedanken“ fest. Diese seien erstens veränderbar und zweitens komplett basisdemokratisch abgestimmt. Mehrmals seien sie inzwischen auch revidiert worden.

In ihrem Vortrag zu den religiösen Grundlagen der Aleviten ging Prof. Dr. Handan Aksünger zunächst noch einmal auf die Geschichte der Aleviten ein. Die Aleviten seien eine sozio-religiöse Gemeinschaft, die auf Abstammung beruhe. Wichtigste Grundlage des Glaubens bildeten islamische Einflüsse, aber auch buddhistische Einflüsse seien nachweisbar. Die Überlieferung erfolge im Wesentlichen mündlich, aber auch schriftliche Texte geben Aufschluss über die Entwicklung der Aleviten. Die Erforschung dieser Religionsgemeinschaft stehe jedoch noch ganz am Anfang. Im Alevitentum gebe es einen geistigen Stand, dem nur diejenigen angehörten, die ihre Abstammung auf Mohammed oder seinen Vertreter Ali zurückführen könnten. Dabei gebe der Vater dann das religiöse Wissen an seine Kinder, männlich wie weiblich weiter. Auch Frauen hätten in der alevitischen Geschichte immer wieder wichtige Rollen gespielt. Im Zentrum des Glaubens stünden drei Beziehungen: ersten „Ocak und Talip“, die religiöse und soziale Leitung durch Nachfahren Mohammeds, zweitens die „Weggemeinschaft“, der Bezug zwischen den Propheten Mohammed und Ali, eine Geschwisterbeziehung zwischen zwei Häusern und drittens die „Patenschaft“, die „Beschneidung eines Junge“. Im Alevitentum gebe es zwei Arten von Schöpfungsverständnis: eines in Anlehnung an den Koran mit Allah als Schöpfergott und ein eher mystisches Schöpfungsverständnis, das von einer mystischen Einheit von Gott, Mensch und Kosmos ausgehe. Aufgabe des Menschen sei die „Vervollkommnung“. Das Wertesystem „vier Tore, vierzig Stufen“, das verschiedene Werte und Handlungsleitlinien umfasse, solle den Menschen auf seinem Weg dahin leiten. Bemerkenswert ist die eindeutige Anerkennung, dass auch Nicht-Aleviten diese Vervollkommnung erreichen könnten. Ethische Prinzipien würden für beide Geschlechter gelten. Verboten seien Diebstahl, Gewaltausübung und Lügen. Es gelte das Gebot der Monogamie und das Schweigegebot (Takiye). Da sich die Aleviten der ständigen Verfolgung ausgesetzt sahen, verschwiegen sie also ihren wahren Glauben nach außen. Im allgemeinen Diskurs ist dies wohl eher aus dem schiitischen Islam unter der Transkription Taqiyya bekannt. Nach meiner Ansicht, stehen das Lügenverbot und das Schweigegebot im Widerspruch. Zuletzt erläuterte Aksünger die alevitischen Gottesandachten (Cem) und betonte die Bedeutung der Dichtung für die Weitergabe des Alevitentum.

Das letzte Referat des Tages hielt Eike Möller über die religiösen Grundlagen der Unitarier. Die Unitarier fühlten sich den Menschenrechten und der demokratischen Grundordnung Deutschlands verpflichtet. Er stellte fest, dass über die basisdemokratisch abgestimmten  unitarischen „Grundgedanken“ hinaus, es keine verbindlichen Schriften, heiligen Bücher oder Dogmen gäbe. Bei den Unitariern herrsche konsequenterweise das Laienprinzip, niemand könne für sich oder jemand anderes eine Autorität mit Verbindlichkeiten für die Gemeinschaft ableiten. Wegen seiner Begrenztheit könne der Mensch keine absoluten Wahrheiten erlangen. Da die Verhältnisse sich änderten, könnten sich mit ihnen auch die „Grundgedanken“ der Unitarier ändern, z.B. bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. So ordneten sich die Unitarier in den Prozess der evolutionären Veränderung des Lebens ein. Sie begriffen sich als Teil der Ganzheit, „unitas“. Die Unitarier glaubten an „ein Leben vor dem Tod“. Was danach komme, könnten die Menschen nicht wissen, jedoch gebe es Spuren die über den Tod hinaus wiesen, wie Ideen, Gedanken oder unsere Nachkommen. Verantwortlich sei ein Unitarier sich selbst, der Mit- und Umwelt gegenüber. Einen Lebenssinn könne der Mensch nur selbst finden. Wegen verschiedener Lebensumstände falle der Lebenssinn vielfältig aus. Diese Vielfalt sei den Unitariern Reichtum. Höchstes ethisches Ziel sei den Unitariern der Friede. Unterste Stufe des friedfertigen Miteinanders sei die Toleranz. Toleranz heiße auch Verhalten, dass man nicht gutheiße zu ertragen, wenn es nicht gegen die demokratische Grundordnung verstoße. Eine Grenze sei zu ziehen, stünde eine Verhalten im Gegensatz zu unseren Grundwerten oder würde jemandem Schaden zugefügt. Für die Unitarier sei der Einsatz für die Menschenrechte, die demokratische Grundordnung, unsere Rechtsordnung, auch eine wichtige ethische Aufgabe.

Im Anschluss an die Vorträge gab es jeweils die Möglichkeit Fragen zu stellen. Das wesentlich unitarisch geprägte Publikum stellte zumeist Verständnisfragen zu den Vorträgen. Kritische Fragen z.B. zur männlichen Genitalverstümmelung oder ob die Scharia im Alevitentum gelte blieben leider aus. Das Publikum hob eher die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionsgemeinschaften hervor. Für mich scheinen die Differenzen eher interessant zu sein. Bei den Unitariern gilt das Laienprinzip, bei den Aleviten gibt es einen geistlichen Stand, dem nur Angehören kann, wer Nachfahre Mohammeds oder Alis ist. Die „Grundgedanken“ der Unitarier sind prinzipiell veränderbar, wurden auch bereits mehrfach verändert, zuletzt 2015. Im Alevitentum kommt dem Koran eine gewisse Autorität zu, so wie auch dem geistigen Stand. Es gibt Verbote und Gebote. Bei den Unitariern wird offenbar in diesen starren Kategorien von Gebot und Verbot nicht gedacht. Bei den Unitariern wird davon ausgegangen, dass der Mensch sich seinen Lebenssinn selbst gestaltet. Bei den Aleviten wird er durch Religion gegeben. Baykal Arslanbuga legte viel Wert darauf, dass im Alevitentum der Mensch das Maß ist. Das klingt humanistisch. Kann aber eine Religion, die seine Anhänger dazu auffordert die Genitalien ihre eigenen männlichen Kinder zu verstümmeln wirklich humanistisch sein? Ich denke nicht. Für mich stellt es sich nach diesem Abend so dar, dass der Unitarismus zwischen Pantheismus und Humanismus oszilliert, das Alevitentum aber eher zwischen Pantheismus und Theismus.

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