Bruno Gröning lebt!

SPIEGEL-Titel Bruno Gröning Bruno trifft Bruno – oder Die Kraft aus dem Knorpel

HAMBURG. (hpd) In diesen aufgeklärten (?) Zeiten flattern einem bisweilen doch seltsame Dinge in den Hausbriefkasten: “Einladung zur internationalen Vortragsreihe: Hilfe und Heilung auf geistigem Weg durch die Lehre Bruno Grönings” – “Medizinisch beweisbar” – “Die Zuhörer können während des Vortrags auf einfache und natürliche Weise die Heilkraft selbst erleben”.

Bemerkenswert, der Veranstalter, ein “Bruno-Gröning-Freundeskreis” hat für Sonntag immerhin ins Hamburger Logenhaus der Freimaurer geladen, in den prächtigen “Mozartsaal”.

Also Mail an die “Johannisloge Zur unverbrüchlichen Einigkeit zu Hamburg, gestiftet 1817”: War dieser Bruno Gröning etwa ein Logenbruder? Gibt es eine Verbindung zwischen “Maurern” und dem dubiosen “Freundeskreis”? Bringt sich die Freimaurerei nicht in Verruf, wenn sie ihre Räume an Geistheiler-Gläubige vermietet? Und dann gar den “Mozart-Saal”! Müsste sich der arme und so allzu früh verstorbene Bruder Mozart nicht im Grabe umdrehen? Eine Antwort seitens der Loge steht bislang aus.
Sonntagmittag, der prächtige Mozartsaal, Barock, viel Stuck, Lüster, ist mit mannshohen Blumengestecken ausgeschmückt. Auf die zur Bühne ausgerichteten Stühle haben sich etwa 150 zumeist ältere Personen verteilt. Auf der Bühne an einem Tisch eine Dame und drei Herren im Seniorenalter, die Referenten wohl.

Rechts auf der Bühne aufgeständert ein Plakat, das große Schwarzweiß-Foto eines düster ins Publikum blickenden Mannes: Bruno Gröning. Sofort auffällig an dem Porträt: Der Kopf mit mageren Wangen und dem straff zurückgekämmten dunklen Haar ruht auf einem auffällig knorpelartig angeschwollenen Hals. Nein, kein Kropf sei das, erklärt mir die Sprecherin Christa Van Loon später. Immer wenn Gröning seinen “Heilstrom” ausgeschickt habe, sei seine Schilddrüse derart angeschwollen gewesen, von der gestauten Kraft.

Der Geisterheiler

Wer sich auf Wikipedia informiert, erfährt, der 1906 eigentlich als Bruno Grönkowski geborene Danziger sei ab 1949 in Deutschland als “Geistheiler” öffentlich aufgetreten, habe sich als von Gott gesandt betrachtet und seine Zuhörer in Vorträgen zur “Großen Umkehr” aufgerufen. Trotz verschiedener angeblicher Geistheilungen unter Zuhilfenahme von taubeneigroßen Kugeln aus Stanniolpapier sei es Gröning allerdings nicht gelungen sich selbst von seinem Magenkrebs zu befreien. Mit 53 sei er in Paris gestorben.

Es wird feierlich im Mozartsaal. Nach der Aufforderung sich zu entspannen, ja nicht Arme und Beine zu kreuzen, die Hände nach oben zu öffnen, um sich dem nach wie vor wirkenden „Heilstrom“ Bruno Grönings zu öffnen, ertönen aus den Lautsprechern zarte symphonische Klänge, die an langsame Sätze von Wagner erinnern. Eigens von Freunden des Vereins komponiert, erklärt man mir später auf Nachfragen.

Zusammen mit drei Freunden (GBS-HH, GWUP) sitze ich mittendrin, sehe mich um. Tatsächlich, man kommt allgemein der Aufforderung nach und scheint zu erwarten, dass der “Heilstrom” nun einfahren möge. Überhaupt macht das Publikum den Eindruck, als habe es mit Geistheilungen Alltagsroutine. Keiner außer uns scheint neu hier. Vielmehr hat man uns längst irgendwie als Fremdlinge ausgemacht, nimmt uns ins Visier. Einige drehen sich immer wieder um nach uns.

Fotografieren ist nicht erwünscht

Als einer der Fremdlinge während des Referats eines schweizerischen Psychologen namens Dr. Ruthenbeck (“Nach acht Jahren Studium an der Uni Zürich habe ich endlich die göttliche Kraft im neuen Berufsfeld gefunden”) mit dem Handy fotografiert, fordert der: “Sie da hinten, der Mann mit der Brille, löschen Sie das Foto wieder”. Aha, Fotografierverbot!

In den Referaten “im Namen der medizinisch-wissenschaftlichen Fachgruppe”, jeweils vorgetragen in salbungsvollem Pastoralton, geht es wieder und wieder um wunderbare Heilungen, von Akne über Depression bis Verstopfung, von Abhängigkeiten und Schmerzen aller Art, “weltweit, auf allen Kontinenten, in allen Religionen”. Da wurden wundersam Patienten geheilt, bei denen angeblich alle Schulmedizin, die Apparatemedizin, sogar die Homöopathie! zuvor jämmerlich versagt hatte. Triumphale Erwähnungen dann auch von Ärzten, die solche Erfolge einfach nicht fassen und nur noch den Kopf schütteln konnten.

Okay, warum nicht? Wer wollte daran rütteln? Immerhin, man legt “Beweise” vor: Eine junge Frau mit nachgewiesener Schwerhörigkeit. Die Ausdrucke aus dem Hörtest werden auf die Leinwand projiziert. Tatsächlich: vorher – nachher, nach nur wenigen Sitzungen, auf wunderbare Weise geheilt. Zweifel ausgeschlossen.

Ich sehe mich um. Zum Glück sind keine Kinder im Saal. Ich stelle mir vor, die Leute gingen mit einem krebskranken Kind nicht ins Krankenhaus, vertrauten allein auf die Kraft aus dem Kropf. Bei dieser Vorstellung könnte man dann doch einen dicken Hals kriegen…

Auftritt der „Geheilten“

Doch als ob es noch weiterer Belege bedürfe: Nun treten einer nach dem anderen mehrere der wunderbar geheilten Menschen leibhaftig auf die Bühne. Ordentliche Menschen wie du und ich, Männer, Frauen, Alte, Junge, repräsentativ ausgewählt – von Asthma, Angina pectoris, Depressionen, Osteoporose, Parkinson – alle geheilt. Die Jünger applaudieren.

So muss es zu Jesu Zeiten bis ins Mittelalter hinein zugegangen sein, als die Heilwissenschaften noch in den Anfängen lagen, die Menschen es nicht besser wissen konnten und für Spuk und Geister noch empfänglich waren. Vermutlich hätten sie auch den hier vorgetragenen Heilsgeschichten getraut. Allerdings, im 16. Jahrhundert schon, gab es auch Freigeister wie den kritischen Dominikanermönch, der ebenfalls Bruno hieß, Giordano Bruno. Wegen seines Auftretens gegen die gepredigten Wunder haben ihn die Päpstlichen damals verbrannt.

Doch hier im Mozartaal der Freimaurer (die ja immerhin Giordano Bruno, dem Ketzer, auf dem Campo dei Fiori in Rom einst ein Denkmal stifteten) ist man im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen, geschlossenen Augen und geöffneten Händen sitzen sie da und erwarten das Wunder, die Kraft aus dem Knorpel. Vielleicht hat der eine oder andere wirklich schon alles versucht, kein Arzt und keine Medizin konnten helfen. Dann greift man zu jedem Strohhalm, heißt es.

Gegen Ende der Veranstaltung federt sichtbar beglückt ein junger Mann mit Pferdeschwanz und coolem California-Shirt auf die Bühne und bekennt: “Sogar durch das Evangelium konnte ich keine Sinnhaftigkeit des Lebens erfahren. Dann erlebte ich durch den ‘Freundeskreis’, dass das Leben am Ende nicht zu Ende ist, die Seele weiter lebt”. Da fehlt dann nur noch das Halleluja. Kein Wunder, dass die so genannten Sektenexperten von EKD und Katholischer Kirche auf Bruno Gröning kaum weniger gut zu sprechen sind als auf Giordano Bruno, den Ketzer.

Jetzt würde ich am liebsten aufstehen und ins Publikum fragen: Aber so richtig wirkmächtig scheint Eurer Bruno Gröning nicht zu sein. Der Jesus konnte ja immerhin noch Tote auferstehen lassen. Ich verkneife es mir. Später wird mir jemand vom Staff erklären, das liege daran, dass Jesus ja auch Gottes Sohn gewesen sei.

“Unsere Heilungen sind medizinisch nicht beweisbar, aber kostenlos”, fasst am Schluss einer der Gröning-Freunde die Botschaft zusammen, “Das alles ist kein Firlefanz. Sie müssen nur vertrauen und glauben. – Vergessen Sie aber am Ausgang die Spende nicht!” Das kommt einem bekannt vor.

Dann zum Abgang noch einmal schöne Musik, entspannte Heilhaltung und gut ist. Beim Auseinandergehen spricht mich von hinten eine junge Frau an “Ich habe genau gesehen, wie Sie sich Notizen gemacht haben. Berichten Sie diesmal aber besser als das letzte Mal!” Man ist argwöhnisch, aber scheint mich zu verwechseln.

Schlecht berichten, warum? Diese Menschen glauben an Wunder. Und bekannt ist ja, dass auch ein gewisser Placebo-Effekt manchmal seine Wirkung tut. Wenigstens lassen sich die “Bruno-Gröning-Freunde” ihre Beiträge und Spenden nicht vom Staat in Form von Kirchensteuer einziehen wie bei der Konkurrenz.

Schlußbemerkung: Die Titelstory des SPIEGEL von 1949 mit dem Titel „Wer ein Schnitzel findet, ist geheilt“ ist trotz etwas störender Formatierungszeichen im Text durchaus lesenswert: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436973.html