„Wir haben wahre Teufel an ihnen“ – Luthers Skandalbuch „Von den Juden und ihren Lügen“

Am vergangenen Freitag lud die Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wissenschaft (RDF) ins beschauliche Bremen zu einem Vortrag von Bernd Kammermeier über Martin Luthers Skandalbuch: „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543. Zum ersten Mal seit 1937 liegt es wieder als vollständige Ausgabe vor, darüber hinaus erstmals in einer Übertragung ins moderne Hochdeutsch.

Trotz Konkurrenz durch das Straßenfestival „La Strada“ und die „Lange Nacht der Kirchen“ fanden sich rund 30 Personen im Haus der Wissenschaft in Bremen ein. Zu vielen Bremern gesellten sich im Publikum auch Interessierte aus Münster und Hamburg. Trotz kleiner technischer Probleme begann der Vortrag angenehm pünktlich noch innerhalb des akademischen Viertels. Begleitet von Gesängen aus dem auf der anderen Straßenseite liegenden Bremer Dom stieg Bernd Kammermeier mit einer Audioaufzeichnung Julius Streichers vom NS-Kriegsverbrecherprozess in sein Referat ein: „Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle als Angeklagter.“ Eine Aussage, die wohl so manchen im Publikum überraschte und nur allzu gut in den Vortrag einzustimmen vermochte.

Im ersten Teil seines Vortrags berichtete Kammermeier von der Arbeit, die er und seine drei Kollegen Karl-Heinz Büchner, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling sich mit der Neuausgabe von Luthers „Skandalbuch“ machten. Das Schöne dieser Ausgabe ist die Gegenüberstellung des Originaltextes auf den linken Buchseiten mit der modernen Übersetzung auf den Rechten. Um dem Schriftbild des Originals so nahe wie möglich zu kommen, wurde der Text in Schwabacher Fraktur neu gesetzt.

Kammermeier betonte, dass die Übersetzung aus fünf Gründen gerade jetzt von Nöten sei: erstens wurde Luthers Antisemitismus seit 1945 bewusst verschwiegen. Zweitens war das Buch in der Zeit vor dem Kriegsende äußerst wirkmächtig gewesen. Als antisemitische Hetzschrift vom „großen“ Luther enthält es ein enormes Rechtfertigungspotential für die Judenverfolgung. Drittens ist diese Schrift für die Aufarbeitung der Ursachen der NS-Judenverfolgung sehr wichtig. Viertens befinden wir uns mitten in der von der EKD ausgerufenen „Lutherdekade“, dessen Höhepunkt 2017 mit dem sogenannten „Lutherjahr“ erreicht wird. Und nicht zu Letzt ist der Text in Frühneuhochdeutsch verfasst und somit für den Laien nur schwer verständlich.

Bernd Kammermeier (li.) und Jörg Elbe

Nach dieser Erörterung des Vortragshintergrunds stieg Kammermeier mit einer kurzen Schilderung der Kontakte Luthers zu Juden in den Inhalt des Buches, und damit in den Hauptteil seines Vortrags ein. Da er in seinem im hpd erschienen Artikel „Warum Martin Luther ein Antisemit ist!“ bereits den Inhalt des Buches und seine Hauptthesen dazu dargelegt hat, möchte ich hier nur einen kurzen Überblick geben: Luther hatte Zeit seines Lebens nur wenig Umgang mit Juden. Er kannte vielleicht ein halbes Dutzend Juden. Auch zum Christentum konvertierte Juden sah er noch als Juden an, deswegen ist bei Luther auch von Antisemitismus und nicht Antijudaismus zu sprechen. Wichtige Inhalte seines Buchs „Von den Juden und ihren Lügen“ sind: (a) die Juden sind nicht mehr Volk Gottes; (b) Jesus ist der Messias; (c) das Sieben-Punkte-Programm zum Verfahren mit Juden und (d) das Schüren von Angst vor der Judaisierung des Abendlandes. Unter diesen Inhalten sticht vor allem das Sieben-Punkte-Programm hervor, das eine regelrechte Blaupause für den Umgang der Nationalsozialisten mit den Juden darstellt, wie Kammermeier in eindrücklichen Bildern zeigte.

Luthers Antisemitismus blieb schon zu seinen Lebzeiten nicht ohne Wirkung. Durch sein Wirken trägt Luther eine Mitverantwortung für Entrechtung, Vertreibung und Verfolgung von Juden im süd-ostdeutschen Raum in den weiteren Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Es lässt sich weiterhin eine direkte Linie bis zu den Verbrechen an den Juden im dritten Reich ziehen.

Besonders kritisch sah Kammermeier im letzten Teil seines Vortrags die Rolle der Funktionäre der EKD, die nur allzu bemüht Luther zu relativieren, geradezu versuchen ihm einen Persilschein auszustellen. Doch er war zu keiner Zeit ein Judenfreund. Luthers Ausspruch: „Wir haben wahre Teufel an ihnen“ illustriert nur zu gut seine Haltung. Ungeheuerlich ist darüber hinaus die Tatsache, dass die Lutherdekade mit über 100 Millionen Euro aus allgemeinen Steuereinnahmen des Bundes und des Landes Sachsen gefördert wird.

Im Anschluss an den Vortrag wurde dem Publikum die Gelegenheit gegeben, Fragen zu stellen. Hier zeigte Kammermeier, dass er sich informiert hatte: So war dem Versuch eines älteren evangelischen Pastors in drei Nebenreferaten die Darstellung Luthers zu relativieren kein Erfolg beschienen. Positiv bleibt festzuhalten, dass nicht allein säkulare, Luther ohnehin kritisch gegenüber eingestellte Menschen dem Vortrag folgten, sondern auch bekennende Christen. Hoffentlich trägt Bernd Kammermeier noch viele Eulen nach Wittenberg.

Text und Fotos: Fabian Krahe. Der Beitrag erschien auch im Humanistischen Pressedienst.

Das Buch:
Karl-Heinz Büchner/Bernd P. Kammermeier/Reinhold Schlotz/Robert Zwilling (Hrsg.): Martin Luther. Von den Juden und ihren Lügen. Erstmals in heutigem Deutsch mit Originaltext und Begriffserläuterungen, Aschaffenburg 2016 (Alibri-Verlag), 347 S., 20,00 Euro

Das Buch ist auch bei unserem Partner denkladen.de erhältlich. 

Und hier die Videoaufzeichnung der Veranstaltung: