Was kann der Humanismus zur Klima-Debatte beitragen?

Das Thema Klima ist „heiß“; die Diskussion desgleichen. Die folgenden Artikel auf hpd.de zeigen es mehr als deutlich: Daniela Wakoniggs Rezension, die Replik des Autors Philipp Möller und der erneute Artikel von Daniela Wakonigg. Matthias Freyberg setzt sich kritisch mit der Qualität des Diskurses auseinander, beleuchtet das handlungsleitende Potential des Humanismus und wirft Fragen auf, die der weiteren Klärung und Bewertung bedürfen.

Was sind die Merkmale der Auseinandersetzung in einem Umfeld, das stets seinen wissenschaftlichen Bezug hochhält (evidenzbasierte Argumentation) und generell die positiven menschlichen Potentiale im Sinne des Humanismus fördern möchte?

Die Diskussion zeigt: man beharkt sich, so gut man kann. Beliebtes Instrumentarium: Vorwürfe von Uninformiertheit, mangelnder Logik, fehlendem eigenständigen Denken, einem falschen Verständnis von „Wissenschaftlichkeit“. Letzteres praktisch Dauerthema und eine eigene Kategorie. Immer wieder gern genommen: psychologistische Zuschreibungen (Unterstellungen) von Motivation und Haltung. Also der gute alte Vorwurf der Uneinsichtigkeit – was zwangsläufig den Anspruch einer ‚höheren‘ Warte beinhaltet und die Intelligenz des Gegenübers ziemlich beleidigt.

Dass Lächerlichmachen und Ausgrenzung außerordentlich wirkungsvolle Mittel sind, wissen auch Humanisten – und bedienen sich. Frau Wakonigg hat es vorgemacht. Man kann betroffen sein, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein – aber trotzdem oder gerade deswegen auf der Klaviatur von Emotionen spielen. Selbst wenn man sich dessen bewusst ist – Rumpelstilzchen lässt grüßen – muss man es nicht offenbaren.

Die Keule „Klima-Leugner“ bringt jeden sofort in die Defensive. Irrtümer und Wissensdefizite werden hier anscheinend nicht toleriert; andere Einschätzungen schnell in Freund/Feind-Kategorien eingeordnet. Derjenige, der den Pfeil der Stigmatisierung abgeschossen hat, kann genüsslich schauen, wie der so Markierte sich aus der Zuschreibung zu befreien sucht. Wird der Vorwurf noch mit dem Verdacht „rechten“ Denkens verknüpft, sind die höchsten Höhen eines aufklärerischen Disputs erreicht.

Die Kehrseite des Autoritätsargumentes kommt gern zum Einsatz: Du beziehst Dich auf XYZ, hast mit NNN gesprochen? Ha! Erwischt!

Echte Betroffenheit berührt und hat Kraft, kann einen Wendepunkt markieren – vorausgesetzt, sie wird argumentativ unterfüttert. Wo ausschließlich Abscheu oder Verachtung zum Ausdruck kommen, ist kein Erkenntnisgewinn zu erwarten.

Wenn einem Mann wie Uwe Lehnert angesichts seiner differenzierten und vorsichtigen Herangehensweise kopfschüttelnd und gönnerhaft bedeutet wird, es doch schon mal besser gekonnt zu haben – dann ist ein konstruktiver Dialog kaum noch möglich.

An der Existenz eines Gegenstandes oder der Korrektheit eines Begriffes zu zweifeln: das kann sehr konstruktiv werden – oder einfach nur der Verweigerung und Ausflucht dienen. Im letzteren Fall hilft die bekannte Formel: schön, dass wir mal drüber gesprochen haben…

Wer ins Krankenhaus geht, so heißt es halb im Scherz, muss über eine robuste Konstitution verfügen – sonst überlebt er das nicht. Wer sich unter Humanisten begibt…… Halt! Wir wollen nicht überziehen. Frau Wakonigg hat eine differenzierte Betrachtung zur Begrifflichkeit von „Religion“ nachgereicht, in der mir folgende Passage aufgefallen ist: „Trotz seiner Widersprüchlichkeit ist jedoch ersichtlich, was mit dem Begriff „Säkularreligion“ gemeint ist. Er dient der Bezeichnung von gemeinschaftlich vertretenen Überzeugungen, die Züge einer Religion aufweisen, hierbei jedoch nicht Bezug nehmen auf einen Gott oder transzendente Mächte“.

Dieser Satz ist geeignet, die Sache voranzubringen und den Blick zu weiten. Es geht, wie eigentlich immer, um die Verbindung und Wechselwirkung von sachlicher Durchdringung der Fakten, Interessenlagen auf der Handlungsebene sowie Fragen von Wertvorstellungen. Hieraus entspringt die unvermeidliche Hitze des Gefechtes. Verschiedene Kommentatoren, so auch ich, beobachten die zunehmende Tendenz auf hpd zu argumentativer, „quais-religiöser“ Intoleranz und argumentativer Enge. Dass dies an der infrage stehenden Diskussion deutlich geworden ist, stellt einen großen Gewinn dar. Wir können dem alle um so klarer entgegen wirken – unmittelbar! Humanismus muss gelebt werden – sonst ist er keiner.

Wie schwer es ist, die Klima-Problematik zu durchdringen, zeigen folgende Fragen:

  • Könnte es sein, dass es Kräfte gibt, die selbst die Dringlichkeit des Themas sehr gut erkannt haben, aber die Situation zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen suchen und die wohlmeinende und authentische Greta für sich einspannen? Die Frage ‚cui bono‘ ist immer relevant.
  • Steht die deutsche Gesamtsteuerlast in einem angemessen Verhältnis zu dem, was der Staat leistet und sollte dieser Aspekt vor der Einführung einer weiteren Steuer überprüft werden?
  • Ist die CO2-Steuer grundsätzlich zielführend und sorgt sie für eine faire Lastenverteilung? Wie wird der Einsatz der finanziellen Mittel kontrolliert?
  • Wie erfolgen solide demokratische Entscheidungen angesichts einer hochkomplexen und risikobehafteten Gemengelage? In Nachtsitzungen?
  • Wie steht es um wichtige Verursacher, die noch kaum im öffentlichen Fokus sind: z. B. Bauindustrie, Landwirtschaft, Militär, Schiffsdiesel?
  • Ist es richtig, dass E-Mobilität nur eine Zwischenlösung darstellt?
  • Was ist eigentlich mit der deutschen Bahn? Sie bietet Gütertransport über die Firma Schenker an, und zwar weniger über die Schiene als über alle anderen Transportwege.

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimaproblematik sind nicht auf Technik zu reduzieren. Wie steht es um die gesellschaftliche Diskursqualität und politische Entscheidungsfindungen im Zusammenhang mit strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen? Ein wohlverstandener Humanismus jedenfalls hilft gegen den Furor der vorschnellen Überzeugung, man habe einen Lösungsweg, der nur kompromisslos durchzusetzen ist.