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Das Hamburger Modell „Religionsunterricht für alle“

Eine Kommentar des gbs-Hamburg e.V.

 

Religionsunterricht für alle

Etikettenschwindel?

 

 

Grundgesetzliche Regelung

Das Grundgesetz verlangt mit dem Artikel 7 von den Ländern eine schulische Religionserziehung in Form eines Bekenntnisunterrichts, räumt aber den Eltern das Recht ein, über die Teilnahme des Kindes an diesem Unterricht zu bestimmen.

Diese Regelung stammt aus einer Zeit, in der eine überwältigende Mehrheit der Deutschen christlich gebunden und kirchlich organisiert war.

Gesellschaftliche Realität

Deutschland hat inzwischen eine massive Einwanderung erlebt von Menschen ganz unterschiedlicher Konfessionen und Kulturen. Gleichzeitig haben sich die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen in Deutschland dramatisch reduziert.

In Hamburg sind nur noch rund 30 Prozent evangelisch und rund 10 Prozent katholisch. Der Anteil der Muslime wird auf rund 8 Prozent geschätzt, der von Juden, Buddhisten, Hindus usw. auf weniger als 2 Prozent. Die Mehrheit aller Hamburger gehört also keiner Glaubensgemeinschaft an.

Als Reaktion auf die zunehmende religiöse Vielfalt wurde das Hamburger Modell „Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung“ eingeführt: Alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse (auch die konfessionsfreien) werden im Fach Religion gemeinsam im Klassenverband unterrichtet, und der Unterrichtsinhalt wird von der Nordkirche verantwortet.

Politische Entscheidungen in Hamburg im Jahre 2012

Der Hamburger Senat hat im Jahre 2012 zur Beförderung der Integration Verträge mit muslimischen Verbänden und der alevitischen Gemeinde abgeschlossen, die auch die Vermittlung des Glaubens dieser Gemeinschaften durch diese selbst an den Schulen beinhalten. Der Religionsunterricht wird umgestaltet für multireligiöse Klassen. Die Unterrichts-Curricula werden geändert. An der vom Staat finanzierten und der Hamburger Uni angegliederten Akademie der Weltreligionen wächst eine neue Generation von Religionslehrern heran, die unterschiedlichen Konfessionen angehören.

Klar ist:

Die bisherige Regelung eines Religionsunterrichts für alle unter evangelischer Verantwortung ist unter diesen Umständen nicht weiter durchführbar.

An der Neuausrichtung des Religionsunterrichts nehmen jetzt die Nordkirche, die Muslime, die Aleviten und die Juden teil – bis dato aber nicht die katholische Kirche.

Die Mitgestaltung der Curricula bzw. der Rahmenbedingungen wird der größten Gruppe der Bürger, nämlich den Konfessionsfreien mit ihren überwiegend säkular-humanistischen Vorstellungen konsequent verweigert. Insoweit ist der Religionsunterricht für alle ein Etikettenschwindel.

Zu fragen ist:

Ist der zukünftige Unterricht tatsächlich noch ein Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes?

Wird es letztlich zu einem Verdrängungswettbewerb der Religionen in den Klassen kommen? Oder zu einem erlebnispädagogischen Einerlei mit diffus gehaltenen dogmatischen Glaubensgerüsten?

Im Bildungsplan für das Fach Religion kommen Humanismus, die Werte der Aufklärung und die Menschenrechte nicht vor. Ist dann das Versprechen der Schulbehörde, dass auch die Konfessionsfreien im Religionsunterricht lernen, die eigenen Wertvorstellungen besser zu verstehen, nur ein leeres Versprechen?

Auf jeden Fall sollen offensichtlich alle Schüler lernen, ihr menschliches Erleben religiös zu interpretieren! Wie können säkular-humanistisch eingestellte Eltern ihre Kinder davor bewahren?

Die kurzfristige Perspektive

Es bleibt einstweilen den Eltern nur eine aufmerksame Beobachtung dessen, was in ihrer jeweiligen Schule vorgeht, um ggf. ihr Kind vom Religionsunterricht abzumelden.

Das Säkulare Forum Hamburg e.V. (www.sf-hh.org) muss als Interessenvertretung der Konfessionsfreien am Curriculum des Religionsunterrichts beteiligt werden.

Die langfristige Perspektive

Aus unserer Sicht muss endlich nicht nur in Hamburg, sondern in der gesamten Bundesrepublik

  • die vollständige Trennung von Staat und Religion verwirklicht werden,
  • der konfessionsgebundene Religionsunterricht im Grundgesetz abgeschafft und durch einen Ethikunterricht für alle ersetzt werden,
  • die Maxime der Aufklärung und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zur Geltung kommen.

Ethik ist wichtiger als Religion!